Rede des Moskauer Patriarchen vor dem UN Menschenrechtsrat

Ansprache von Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad
Vorsitzender der Gremiums des Moskauer Patriarchates für auswärtige Kirchenbeziehungen
bei der Paneldiskussion zu Menschenrechten und internationalem Dialog
bei der siebten Sitzung des UN Menschenrechtsrates

Herr Moderator, Damen und Herren!

Vielen Dank für die Gelegenheit bei einem solch repräsentativen Forum von professionell sich mit Menschenrechten beschäftigenden Persönlichkeiten sprechen zu können.

Der Menschenrechtsrat ist eine junge Einrichtung innerhalb des Systems der Vereinten Nationen. Dennoch hat er eine lange Erfahrung bei der Reflexion und im Agieren durch dieser auf dem Gebiet der Menschenrechte dominierenden Organisation hinter sich. Der Rat verfügt über beträchtliche Ressourcen zur Einbindung neuer Partner in die Diskussion innerhalb seines Bezugssystems und ich hoffe, daß religiöse Organisationen einen angemessenen Platz dabei einnehmen werden.

Die Menschenrechte stellen mit Sicherheit eine wichtige Einrichtung in der modernen Sozialordnung dar. Ihre Anziehungskraft liegt in der einfachen und populären Idee, die Sorge für das Wohlergehen jedes Einzelnen in dem Mittelpunkt des sozialen Lebens zu stellen. Es war diese Idee, die der christliche Glaube in die europäische Kultur einbrachte. Er hatte immer verkündet, daß Erlösung für jeden Einzelnen möglich ist ungeachtet seines oder ihres ethnischen oder sozialen Hintergrunds und er betonte die einzigartige Natur und den Wert jedes Einzelnen in der von Gott geschaffenen Welt.

Deshalb können Christen gegenüber dem weiteren Schicksal dieser wichtigen Botschaft an die Menschheit nicht gleichgültig sein, auch wenn sie in der säkularen Sprache der Menschenrechte abgefaßt ist. Daß diese Institution dem Wohlergehen eines jeden Einzelnen und der Gesellschaft als Gesamtheit weiterhin dient, ist wichtig.

Viele Orthodoxe Christen sind aber überzeugt, daß es in der heutigen Entwicklung und Umsetzung der Menschenrechte wachsende Tendenzen gibt, die den Fortschritt auf dieses erhabene Ziel hin bedrohen.

Zuallererst war die Entwicklung der Menschenrechtsinstitutionen zunehmend in monopolistischer Weise von einer beschränkten Sicht auf die Natur des Menschen beeinflußt worden, die von den meisten Menschen in der Welt nicht geteilt werden. Internationale Organisationen, die sich mit Menschenrechten befassen, tendieren in den meisten Fällen dazu, ihre Folgerungen aus den Meinungen eines kleinen Kreises von Experten, von Funktionären oder von lärmenden, aber gut organisierten Minderheiten zu ziehen. Viele Nationen scheinen ebenfalls unter den Einfluß dieser Zeitgenossen gefallen zu sein, wodurch sie die Fähigkeit einbüßen, über ihre authentische Haltung zu den Werten zu sprechen, die eigentlich charakteristisch für diese Nationen sind.

Charakteristischerweise fehlt für den gebräuchlichsten Begriff in Bezug auf die Menschenrechte, namentlich der Menschenwürde, ein klares gemeinsames Verständnis. Sie wird als ein bestimmtes Axiom verwendet, aber ihr Inhalt war lange ungeklärt. Die Auffassung darüber liefert den Schlüssel für unser Verständnis des menschlichen Wesens und damit der Menschenrechte.

Für Orthodoxe Christen ist es klar, daß menschliche Würde unvorstellbar ist, ohne eine religiös-spirituelle und ethische Dimension. Zur gleichen Zeit wurden, um das Konzept der Menschenrechte für Leute unterschiedlicher Weltsichten annehmbar zu machen, beständig Versuche unternommen, sie von Religion zu trennen. Im Ergebnis davon erklärt man religiöse Sichtweisen zur Privatsache und bestreitet deren Gültigkeit als Quelle für moderne Gesetze einschließlich der Menschenrechte. Und das trotz der Tatsache, daß laut weit verbreiteter Erhebungen fast 80 Prozent der Weltbevölkerung religiöse Leute sind.

Ganz im Gegensatz dazu wurden Forderungen gestellt, religiöse Sichtweisen rechtlichen Normen zu unterwerfen, die in nicht-religiösen Ideen gründen. Als Ergebnis davon tendiert die Dominanz agnostischer und sogar materialistischer Lebenseinstellungen religiöse Riten, Symbole und Ideen aus der öffentlichen Sphäre zu verdrängen. Sogar das beliebte christliche Weihnachtsfest hat in vielen westlichen Ländern seinen Namen verloren. An seiner Stelle senden die Staatsgewalten jahreszeitliche Grüße jetzt aus. Auch wurde der Ansatz der Menschenrechte dazu benutzt, um Frevel gegen und die Entstellung religiöser Symbole und Lehren zu rechtfertigen. Der selbe Ansatz wird heute verwendet, um Schulen gewisse Lehrpläne zur Einführung in verschiedene Religionen aufzuerlegen, statt daß man die Grundlagen der Lehre einer Religion vermittelt.

Kurz gesagt, hat der säkulare Ansatz hat Leute dazu gezwungen vom Ausdruck ihres Glaubens im öffentlichen Leben Abstand zu nehmen. Dies führt zur Errichtung einer nicht-religiösen Gesellschaft, was von keinem echten Gläubigen unterstützt werden kann.

Darüber hinaus gibt es einen starken Einfluß radikal-feministischer Sichtweisen und homosexuellen Haltungen beim Formulieren von Regeln, Empfehlungen und Programmen bei den Menschenrechtsverfechtern, die für die Familie als Institution und die Reproduktion der Bevölkerung zerstörerisch sind. Wir können nicht festlegen, welcher Lebensweg von einzelnen Leuten gewählt werden soll, aber warum sollten deren Sichtweisen denn auf dem Weg über Rechtssysteme anderen Menschen, die diese nicht teilen, aufgezwungen werden? Kürzlich wurde berichtet, daß in Großbritannien eine Katholische Vermittlungsstelle für Adoptionen verboten, weil sie sich weigerte, homosexuelle Paare als Elternschaftskandidaten in Betracht zu ziehen.

Was wir nicht akzeptieren können, sind juristische Ansätze in Bezug auf die Rolle von Mann und Frau, die Beziehungen zwischen Mann und Frau und Eltern und Kindern und den Status homosexueller Lebensgemeinschaften, die ohne Berücksichtigung der Meinung der Gläubigen entwickelt wurden.

Die Sicht auf die Abtreibung als ein Recht der Frauen hat internationale Organisationen dazu verführt, taub und blind zu werden für das Recht des empfangenen Kindes auf Leben. Diejenigen, die mit menschlichen Embryonen experimentieren, wollen nicht mal mehr von der Verletzung der Ethik hören. Noch erstaunlicher sind Vorschläge, das Recht auf Euthanasie in die Menschenrechtsvorschriften aufzunehmen. Die Menschenrechte, die doch mit dem fundamentalen Recht auf Leben beginnen, könnten sich bald auf die Seite des Todes schlagen.

Andererseits gibt es ernste Bedenken hinsichtlich des Weges der Umsetzung der Menschenrechte. Eines der Probleme in diesem Bereich hat mit der Interpretation des Begriffes der Freiheit zu tun. Die Menschenrechte enthalten in ihrem Packet gewisse Opportunitäten die ein Individuum nach seinem oder ihrem Gutdünken nutzen kann. In anderen Worten, sie schützen lediglich die Freiheit zur Wahl, sagen dabei aber nichts über die Verantwortung einer Person. Im Ergebnis bleibt die Freiheit vom Bösen ungeschützt. Was ist diese Freiheit vom Bösen? Aus unserer Sicht wird das in der Sprache moralischer Normen beschrieben. In seiner Ansprache letztes Jahr zur parlamentarischen Versammlung des Europarates schlug Patriarch Alexij II. ein Verständnis von Moral als positive Freiheit vor, indem er sagte: „Moral ist Freiheit in Aktion. Sie ist eine in einer verantwortlichen Auswahl bereits umgesetzte Freiheit, die sich zum Wohle des Individuums und der Gesellschaft als Ganzem selbst beschränkt“.

Ich würde Sie gerne daran erinnern, daß die UN Richtlinien unter anderem auf der Grundannahme von 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte einer beschränkten Auswahl, um „den gerechten Anforderungen der Moral zu genügen“ basieren. Leider läßt die Europäische Grundrechte-Charta diese Beschränkungsklausel weg.

In vielen Ländern wird die Freiheit als Vorwand zur Entwicklung einer Industrie verwendet, welche die Gesellschaft mit der Propaganda eines amoralischen Lebensstils überschüttet. Wir glauben ein Individuum muß das Recht haben, vor dem Propagieren von Gewalt, Drogen- und Alkoholgebrauch, Spielsucht und sexueller Laxheit geschützt zu werden.

Aus unserer Sicht sollten die Menschenrechte den moralischen Normen, die von den meisten Leuten als erstrebenswertes Verhalten akzeptierten werden, nicht entgegenlaufen. Werden die Menschenrechte zur Bestärkung eines moralischen Relativismus in der Gesellschaft verwendet, dann entfremdet sie das von den Gläubigen.

Die Umsetzung der Menschenrechte geht einher mit der Frage der Identität eines Rechtssystems der Menschenrechte in sehr verschiedenen Ländern. Die Menschenrechte haben wahrlich universale Bestimmung. Aber verschiedene Länder können sie unter Berücksichtigung kulturell unverwechselbarer Merkmale eines bestimmten Volkes umsetzen. In manchen Ländern ist die Bevölkerung mehr religiös, als in anderen und deshalb kann und muß Religion eine bedeutendere Rolle in der Ausprägung und Umsetzung der Menschenrechte spielen. Weiterhin hat jede Nation ihre eigenen geschichtliche Erfahrungen, kulturelle Traditionen und ihr eigenes Bedeutungssystem. Diese Realitäten sollten bei Aufbau eines nationalen Menschenrechtssystems nicht ignoriert werden. In diesem Zusammenhang legen manche Länder, die ihr eigenes System der Umsetzung der Menschenrechte als universal betrachten, ein ziemlich undemokratisches Verhalten an den Tag. Sie versuchen direkt oder indirekt, ihre eigenen Standards der Umsetzung der Menschenrechte anderen Ländern aufzunötigen oder der einzige Richter in Menschenrechtsfragen zu werden. Ich glaube ein die „Lehrer-Schüler“ Situation ausschließender Dialog ist in diesem Fall der einzig annehmbare Weg.



Und schließlich tut es mir leid, auf den Schaden hinweisen zu müssen, den die Praxis von Doppelstandards dem Ansehen dem Werk der Menschenrechts zufügt. Die Menschenrechte wurden schon oft von manchen Ländern als Werkzeug zur Verfolgung ihrer nationalen Interessen benutzt. Besonders offensichtlich ist das in den Konfliktzonen dieser Welt. Das jüngste Beispiel ist die Situation in Kosovo und Metochien. Solche Fälle haben die Tendenz, die Situation in der Welt aufzuheizen und Vorurteile gegenüber den Menschenrechten zu sähen.



In der Zusammenfassung all dessen möchte ich gerne dieses sagen. Es wird viel über einen Konflikt der Zivilisationen und Kulturen, doch womit wir es eigentlich zu tun haben, ist ein Konflikt der Ansätze, der eine basiert auf einer religiösen Weltsicht während der andere auf einer nicht-religiösen Weltsicht basiert. Aus irgendeinem Grund gibt es die fest etablierte Meinung, mit dem nicht-religiösen und moralisch neutralen Ansatz ließen sich alle menschlichen Hoffnungen am umfassendsten ausdrücken und die vielerlei in der Welt existierenden Widersprüchlichkeiten ausbügeln. Es wurde aber schon oft vergessen, daß es die religiöse und moralische Dimension des menschlichen Lebens ist, die universal ist und zugeleich spezifisch bei allen Nationen. Der religiöse Ansatz weist, wie ich zu zeigen versucht habe, der sozialen Rolle von Religion eine große Wichtigkeit zu und befürwortet die Bewahrung eines einzigen Moralsystems in der Gesellschaft. Diese Grundannahmen sollten sowohl bei der Entwicklung internationaler Gesetze, einschließlich von Gesetzen zu den Menschenrechten, wie auch bei nationalen Gesetzgebung berücksichtigt werden. Andernfalls kann sich die Entfremdung und die Opposition eines beträchtlichen Teils der Menschheit gegenüber globalen Prozessen nur vergrößern. Ein friedlicher Weg aus dieser Situation heraus liegt im Führen eines intensiven Dialogs.

Die Russische Orthodoxe Kirche entwickelt dieser Tage einen umfassenden Ansatz zu den Rechten des Menschen. Die Annahme eines entsprechenden Dokuments durch das Bischofskonzil als höchster Kirchenauthorität ist für diesen Sommer geplant. Durch unsere Erfahrung im zwischen-christlichen und interreligösen Dialog wissen wir, daß andere christliche Konfessionen und Weltreligionen gut ausgearbeitete Ansätze zu den Menschenrechten haben. Es wäre angemessen, diesen Sichtweisen im Menschenrechtsrat und der UN als ganzem Gehör zu verschaffen.

Im Jahre 2006 fand in Moskau ein Gipfel von Führern der Weltreligionen statt. Ungeachtet der bestehenden Unterschiede ergaben die Diskussionen bei diesem Forum, daß die Religionsführer die wichtige Rolle, die Religion in den Gesellschaften spielt, anerkennen und es kam zum Ausdruck, daß die großen Weltreligionen grundsätzliche moralische Normen teilen. Meiner Sicht nach ist das die Basis, die zu einem Dockpunkt zwischen den verschiedenen Zivilisationen unserer heutigen Welt werden kann.

Die Teilnehmer des Gipfels schlugen vor ein Forum für den Dialog zwischen den Religionen durch die UN eingerichtet werden sollte. Dieser Appell wurde an die Führer der G8 gerichtet. Russland hat diese Idee bekanntermaßen unterstützt. Sein Außenminister 
hat in seiner Rede bei der 62. Vollersammlung der UN vorgeschlagen ein Beratungsgremium der Religionen mit festgelegtem Status innerhalb der Vereinten Nationen einzurichten. Meine Hoffnung ist, andere betroffene Nationen könnten diese sinnvolle Initiative der Religionsführer ebenfalls unterstützten. Wir würden dem Menschenrechtsdialog auf globaler Ebene einen neuen Anstoß geben.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Genf, 18. März 2008

Übersetzung aus dem Englischen

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2 Kommentare - “Rede des Moskauer Patriarchen vor dem UN Menschenrechtsrat”

  1. Jacques Auvergne Says:

    Es ist fein, dass dieser Text, eine Herausforderung für den Verstand, auch in deutscher Sprache vorliegt. Ich werde ich noch einige mal lesen. Mehrere bekannte Grundargumente, in dieser Kombination allerdings erfrischend neu. Ein paar eher ungeordnete Ideen dazu.

    Die seit drei bis vier Jahrzehnten zu beobachtende Meinungslosigkeit, „Äquidistanz“, Wertebeliebigkeit wäre in der Tat ein neuer Weg in den Abgrund, das ‚chamäleonhafte‘ alles politisch Korrekten wird auch nur der Nebel sein, hinter dem der Mensch eigene, dem anderen oder sich selbst verheimlichte Absichten nach illegitimer Macht streben lässt. Eckigkeit, klare Linie ist schon verlässlicher.

    Wie öffentlich die Religion sein kann ist die Frage. Persönlich empfehle ich einen positiven, optimistischen Religionsbegriff (Gott ist noch einmal etwas anderes), der zwischen dem Alltäglichen und dem Außeralltäglichen, damit dem Profanen und Sakralen unterscheidet, unsere Psyche, gerne sage ich auch zum leiblichen Hoffen und Bangen ‚Seele‘ jetzt aber ‚Psyche‘, ist auf derlei Wechselspiel angewiesen. Sonntag – Feiertag – als biologische Notwendigkeit, man schaue sich die chronischen Diskogänger nur an oder den allzu gehetzten Händler, deren Schlaf- und Wachrhythmus auch das Welterleben und Weltbeurteilen ins Schlingern geraten lassen dürfte.

    Die gegenwärtige Bankenkrise ist eben auch einem Ungeist des Hochstaplertums zuzuschreiben, sicherlich auch des kriminell geldgierigen Ausbeutens ohne jede soziale Verantwortung, vielleicht sogar dem Aufputschmittel- und Kokainkonsum, den Schönheitsoperationen und Schauspielkursen.

    Das Christentum, sagen selbst viele seiner Gegner, bietet Überblick und Kraft. Da gibt es allerdings eine Religion, die so sehr zur Empathie und Rücksicht nun nicht erzieht, eher schon zur Hinterlist, zur Treibjagd und zum Schädigen des Andersgläubigen. Das ist der Islam, der ja in der Praxis irgendwann auch einmal verträglich leben mag, in seiner Theorie von Koran, Hadithen bis zur den islamistischen Vordenkern Said Ramadan oder Yusuf al-Qaradawi aber den Sadismus heiligt, mithin etwas Anti-Ethisches übt. So eine ‚Religion‘, wie weit also ist der Islam überhaupt Religion, kann den öffentlichen Raum nicht prägen, wenigstens nicht mit meiner Zustimmung. Deshalb ist es ein Unterschied, ob ich einen Tschador verbiete oder ein zweieinhalb Zentimeter großes Kreuz am Revers.

    Demokratie ohne Demokraten geht nicht. Schulmeisterlicher Stil wirkt in der Tat hochnäsig (steht Meistern aber ohne weiteres zu, Kinder sollen gefälligst hart bewertet werden und auch Erwachsene sollen sich ihre Prüfungszeugnisse nicht selber schreiben, ‚Kinder an die Macht‘ oder ‚Abitur für alle‘ (im Scherz: warum nicht gleich Professorentitel oder Ministeramt?) und auch die Forderungen nach politischem ‚Kinder-Wahlrecht‘ sollten nicht umgesetzt oder ausprobiert werden.

    Demokratie gegen die Demokraten geht nicht. Und doch können wir den islamisch dominierten UN-Menschenrechtsausschuss nicht länger die Erosion der Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit (auch Religionskritik, Islamkritik) fordern lassen. Tragisch, dass den Muslimen durch ihre Scheichs, Muftis und Ayatollahs der Zugang zu einer halbwegs gesunden, gereiften Spiritualität noch auf Jahrzehnte verbaut bleiben wird. Wenn es denn wenigstens 40 oder 25% an Muslimen gäbe, die den Eindruck machen in ihrem Auftreten und Gemeinschaftsverhalten, in ihrer neugierig-angstfreien Weltbetrachtung und in ihrem Verzichten auf Einschüchterung und Kontrolle der Mitgläubigen, dann könnte ich einen öffentlich sichtbaren und hörbaren Islam (Radio, Fernsehen, ein Imam in zeremonieller Kleidung im Rathaus oder auf dem Stadtfest) freudvoller begrüßen.

    Einstweilen jedoch ist ein schiitischer Geißlerzug keine Parade, sondern entgrenzt-übergriffiger, blutiger Wahn und ist eine Ahmadiyya- und in geringerem Maß auch Milli-Görüs-Moschee kein ‚bereichernder‘ romantisch-fremder Tempel, sondern der Ort des Aufrufs zur Zwangsheirat mit ihrer Menschenzucht, zum Propagieren der sittlichen Minderwertigkeit der Andersgläubigen, zum Beutemachen und zur Landeseroberung, zum Aufbau eigener Geldströme, Administration und Gerichtsbarkeit. Zum Kalifat.

    Religionen sind verschiedenartig demokratieverträglich. Innerhalb jeder Lehre gibt es noch einmal zu vergebende ‚Schulnoten oder Gefahrenklassen‘ an Mitleidlosigkeit und Falschheit bewirkender, angeprügelter Höllenangst, an Weltekel und Welthass. Oder aber, hoffentlich, ‚gute Schulnoten‘, an Welt-, Menschen-, Selbst-, und Gottesliebe, was alles nicht etwa genau das selbe ist, aber im Gleichgewicht hängt wie die Gewichte ein einem Zimmerdecken-Windspiel, einem Mobilé. Im orthodoxen Islam sind diese Gewichte zerschlagen, verformt, zerätzt, zertrümmert, der Körper der Frau sieht dann (Pakistan, Sudan, Jemen) auch äußerlich entsprechend gemartert aus, oder derjenige des unreinen Halbfreien, des eklen Dhimmis.

    Mit den zum Dschihad gegen die körperliche Unversehrtheit aufrufenden dazugehörigen ‚Religionsführern‘ kann ich keinen Staatsvertrag wünschen, einstweilen wären sie, so auch Schäubles Deutsche Islamkonferenz, Varianten der Staatsverträge von Hudaibiyya oder würden auf ein osmanischen Millet-System hinauslaufen.

    Stichworte Hudaibiyya, sinkende christliche Bevölkerung
    http://www.digmuenchen.de/contray/html/nahostkonflikt/nahostkonflikt-interna/islamischer-friede/

    Religionsberater in der Politik – nein. Einfach – nein. Selbst seelisch halbwegs gesunde, steinzeitlich lebende Stämme hatten eine Ur-Arbeitsteilung und vor allem Gewaltenteilung, anders noch: Der Häuptling ist eben nicht der Schamane (der Kaiser nicht der Papst).

    Nähe und Ferne zwischen Administration und Kultgemeinschaften, in der technischen Moderne wohl eher die große Ferne. An größerem Abstand leidet eine Religionsgemeinschaft nun wirklich nicht. Vielleicht im Gegenteil: Erst wenn ich, bei gesunkenem Gruppendruck, keine Sorge vor Verstoßenwerden oder Verhungern haben muss, kann – könnte – ich mich Mensch würdevoll frei auf Gott wie auf mich selbst besinnen.

    Zugegeben, manche ein aus allen Bindungen ‚Emanzipierter‘ bevorzugt das Abdriften ins charakterlos-Schmierige, ins Rauschgift, in die Kriminalität – oder ernennt sich zum Führer Deutsches Reich.

    Religion, Ethik, Moral, Tabu und Strafgesetzbuch. Die Frage nach der pädagogischen ‚gelben Karte und Trillerpfeife‘, nach der ‚Fahrbahnbegrenzung‘ und den Wegweisern: Viele junge Menschen brauchen eine ganze Menge Führung im Alter von 10 bis 20 Jahren, um zwei, drei Jahrzehnte später nicht dem Zeitgeist ausgeliefert zu sein, sondern bedarfsweise gegen den Strom schwimmen zu können. Was natürlich die Probleme erst schafft, denn der Korrupte, der Depp hat es gewissermaßen einfach. Vielleicht schläft der Mitläufer nicht so gut vor schlechtem Gewissen, vielleicht aber auch doch und träumen die sensiblen Idealisten schlechter.

    Russland hat seine sehr eigene, von Westeuropa sehr verschiedene Aufgabe, Russlands Geschichte, Mentalität wie Probleme bedürfen sozusagen russischen Lösungen. Universalität wird man gleichwohl zumuten müssen, andererseits war es ausgerechnet und überflüssigerweise ein gewisser Gerhard Schröder, der Herrn Putin als lupenreinen Demokraten bezeichnet hat. Nicht, dass etwaige übergebene vielkarätige sibirische Diamanten allzu lupenrein waren, nun ja, ein Volk, ein Sprachraum mit einem derart moralfreien Ex-Kanzler braucht Osteuropa (China, Arabien) keine Nachhilfe in Menschenrechten zu geben. Sagen manche. Volk, Identität, auch das ist zu erarbeiten, auf Knopfdruck oder auf Befehl gehöre ich keinem Volk an. Ein Kind soll aber den heimatlichen Garten und Straßenzug lieben, schön wäre es jedenfalls. Erfahrungsräume wachsen dann.

    Großelterliche, elterliche Religion, und auch: Heimat, Ortsbezug, Kleinräumlichkeit, das sind die Wurzeln, ohne die es keine Flügel wie Weltbürgerlichkeit und Bürgersinn geben kann. Mit dem Finger im Reisebüro in einen Katalog zu tippen und den Namen des Zielorts nicht einmal genau zu wissen – da tun wir Wohlstandsverwöhnten den ‚Ureinwohnern‘ Unrecht, auch den Muslimen unter ihnen.

    Man mag sich entscheiden zu einem Wenigen, einer Kontur, einem Profil – und sich seiner Fragwürdigkeit, seiner etwaigen kleinen und größeren Fehlentscheidungen bewusst bleiben. Viele nordafrikanische, kleinasiatische oder iranische Einwanderer kennen Landschaften, die ich nicht kennenlernen werde. Leider weigern manche von ihnen sich seit Jahren, mit mir im Sauerland oder Westerwald auch nur ein paar Stunden lang die Landschaft zu betreten … wie ein Heiligtum, wie eine Moschee oder Kirche. Wiederum sollten die Alteingesessenen nicht beginnen, ‚Beethoven zu hören gegen das Kalifat‘, zu viel Abscheu oder gar Hass ist ein schlechter Ratgeber. Identität sollte man sich erwerben, ja, in erster Linie nun wirklich nicht nicht gegen andere, sondern für etwas. Diesen letzten Satz, denke ich, könnten auch kluge oder einfach nur geschmackvolle Muslime sagen.

    UN-Menschenrechtsrat – wie Lissabon-Vertrag/EU-Verfassung – beenden, Licht ausmachen, Akten ins Regal legen. Derartiges Nähe spielen ist Un-Fug. Warum zehn, zwanzig Jahre später nicht ein neues Welt-Gremium, im Laufe der Generationen wird ‚Globalisierung‘ die Abgrenzungstendenzen ganz langsam (dafür: berechtigt) zu überwinden beginnen.

    Vielleicht kann es in hundert Jahren sogar einen Islam geben, der die freiheitliche Demokratie nicht zerstört und die eigenen Angehörigen nicht psychisch deformiert oder, vor allem die weiblichen, verprügelt, vergewaltigt, verätzt, verbrennt, steinigt, genitalverstümmelt. Frei nach Sigmund Freud: Lässt sich der antisoziale Allah resozialisieren? Ich bin da durchaus Optimist. Scharia und Fiqh, die Dogmen von tahara-Reinheit, hidschab-Schleier, fitra-Menschennatur, fatwa-Rechtspruch, nikah-Islamehe, das ist Schutt, Krankheit und Theofaschismus, das muss, allerdings, alles weg. Im Patriarch Kyrills Text fehlt das Wort Scharia oder Islam.

    Patriarch Kyrill ist ein gebildeter und weiser Mann, dem man zuhören sollte. Nicht politisch, auch gehört der Mann niemals in Parlamente, auch nicht ohne Ornat. Ihm lauschen, das scheint sich zu empfehlen, alle paar Tage ein paar Minuten. Es gibt überhaupt ganz bewundernswerte Europäer unter diesen Russen. Da ist er, kaum fassliche Begriff Europa.

    Wer die seltsame Kraft des orthodoxen Christentums, nicht zuletzt: Wer die liturgischen Gesänge Russlands kennenlernen durfte, weiß vom Glück.

    Jacques Auvergne

  2. antifo Says:

    Danke, Jacques, für den Kommentar!

    Ich will ihn so stehen lassen.


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