Archive for the ‘Kulturkritik’ category

Die jüdische Frage in der orthodoxen Kirche

Oktober 21, 2012

Übersetzung von
The Jewish Question In The Russian Orthodox Church
von Gregor Benewitsch

Kapitel 3

Um zur Folgerung meines Vortrages zu kommen, will ich nun das schwierigste Problem der Quelle des Antisemitismus berühren. Die Hauptlehre, die die nicht-orthodoxe Christenheit aus Auschwitz gezogen hat, war daß der Antisemitismus vom Antijudaismus nicht zu trennen ist und seine Wurzeln darin hat. Theologen wie Jürgen Moltmann versuchen daher zu einer positiven Deutung des Judentums zu kommen. Hier ist zu erwähnen, daß das Judentum selbst in diese Richtung argumentiert. Nach Rabbi Schmuel Boteach, einem der führenden chassidischen Denker, sagt „der Talmud, daß der Grund für den Antisemitismus am Sinai begann … . Am Sinai … gab der Allmächtige … dem jüdischen Volk das wesentliche Gesetz, das es in eine moralische Nation verwandelte“. Aber, fügt Rabbi Schmuel hinzu, das war nicht genug, „die Juden wurden auch damit beauftragt, diese neue Botschaft unter allen Völkern der Welt zu verbreiten. In ihrer Eigenschaft als ‚Licht der Nationen‘, waren sie verantwortlich für die Verbreitung der von Gott gegebenen Ethik zu allen Enden der Welt. Aus einer anderen Perspektive betrachtet wurden sie als Ärgernis für die Völker gesehen, deren Wunsch in der Dominierung derjenigen bestand, die schwächer als sie selbst waren. So begann der Hass gegenüber den Juden, deren prinzipielle Existenzberechtigung darin bestand, das Wissen über Gott … der Welt näher zu bringen.“ (Moses of Oxford, Andre Deutsch, London 1994 v.2 p 661).

(mehr …)

Auf dem Weg zu einer Theologie nach dem Gulag

Oktober 19, 2012

Übersetzung von
The Jewish Question In The Russian Orthodox Church
von Gregor Benewitsch

Kapitel 2

Jürgen Moltmann, den ich schon mehrere Male zitiert habe, weil er der Führer der protestantischen Theologie nach Auschwitz ist, sagte 1978: „Der Bau einer Brücke vom jüdischen zum heidnischen Ufer und zurück kann gewiss nur eine Erfahrung gemeinsamen Leidens bedeuten … Es ist vorstellbar, und ich erwarte es, daß Juden und Christen eines Tages gemeinsam Verfolgung zu erdulden haben und dann die erlösende Liebe Gottes entdecken, die sie auf einer tiefgreifenden Ebene verbindet. Es ist seltsam genug, wenngleich verstehbar, daß dieser berühmte deutsche Theologe eine solche gemeinsame Verfolgung von Christen und Juden übersieht, die im 20. Jahrhundert bereits in Russland geschah. Was folgt, wie es auch schon gesagt wurde, sind nichts als die Ergebnisse von Analysen dieser geschichtlichen Erfahrung.

Zur Betrachtung meines Themas aus einem anderen Blickwinkel möchte ich einige geschichtliche und psychologische Aspekte des Problems des Antisemitismus in der Russisch-Orthodoxen Kirche aufgreifen, diesmal im Kontext der weltweiten ökumenischen Bewegung.

Ein wichtiges thema für die westliche ökumenische Bewegung ist die Beziehung zwischen Christen und Juden. Ein Aspekt dieser Beziehung und des Dialogs der sich daraus ergeben soll, ist die Theologie nach Auschwitz, die von vielen Christen im Westen als eine Form der Wiedergutmachung für „christliche Schuld“ bearbeitet und verstanden wird.

(mehr …)

Antisemitismus in der Russisch-Orthodoxen Kirche

Oktober 19, 2012

Übersetzung von
The Jewish Question In The Russian Orthodox Church
von Gregor Benewitsch

Kapitel 1

Wenn es nur so einfach wäre! – daß irgendwo schwarze Menschen mit böser Absicht schwarze Werke vollbringen und es nur darauf ankäme, sie unter den übrigen zu erkennen und zu vernichten. Aber der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen. Und wer mag von seinem Herzen ein Stück vernichten?
Alexander Solschenizyn
Der Archipel Gulag

Das Problem des Antisemitismus in der Russisch-Orthodoxen Kirche hat, wie auch in der allgemeinen Gesellschaft, verschiedene Dimensionen. Eine davon ist die soziologische Dimension. Zur Klärung eines möglichen Mißverständnisses in Teilen der westlichen Leserschaft möchte ich mit diesem Aspekt des Problems beginnen. Lassen Sie mich eine Zusammenfassung aus dem Artikel Antisemitismus und Orthodoxie im heutigen Russland (Sicht eines Soziologen) von Vladimir Borzenco, geschrieben 1992 und vom  Keston Institute in Religion, State and Society in der Ausgabe 23 N1 1995 veröffentlicht: „Der allgemeine Anteil des Antisemitismus in Russland ist im Vergleich niedriger, als der Durchschnitt in den entwickelten europäischen Ländern“. Gemäß Borzenko, der sich mit seinen Aussagen auf die Ergebnisse einer seriösen soziologischen Erhebung stützt, „gab es in praktisch jeder Kategorie und bei praktisch jeder Frage weniger Hinweise auf Antisemitismus unter orthodoxen Untergruppen als unter Atheisten. Von nicht mehr als etwa zehn Prozent der russischen Bevölkerung als Ganzes könnte man sagen, daß sie antisemitisch sind.“

Was gibt es dann zu diskutieren, wenn die Lage so gut ist? Ich glaube nicht, daß Borzenkos Ergebnisse falsch waren, nur ist Russland kein Land des Westens. Der Anteil von zehn Prozent in Russland mag andere Implikationen haben, als vergleichbare Zahlen in, sagen wir mal, England oder den USA. Vor der Revolution stellten die Kommunisten nicht mehr als zehn Prozent der Bevölkerung, dennoch war, angesichts der totalen Krise der Gesellschaft und der Schwäche aller anderen politischen Parteien im Jahr 1917,  dieser geringe Anteil dieser kleinen, aber ideologisch starken Gruppe groß genug, um die Macht an sich zu reißen und das russische Volk in eine kommunistische Zukunft zu führen.

(mehr …)

Die Wahrheit der Orthodoxie

September 23, 2012

Übersetzung von
The Truth of Orthodoxy
erschienen 1952
von Nikolai A. Berdjajew

Die christliche Welt kennt die Orthodoxie nicht sonderlich gut. Sie kennt nur die äußeren und meistenteils, die negativen Eigenheiten der Orthodoxen Kirche und nicht den inneren geistigen Schatz. Die Orthodoxie war in sich eingeschlossen, sie hatte nicht den Geist des Proselytismus und offenbarte sich der Welt nicht. Die Orthodoxie hatte über lange Zeiträume hinweg nicht die weltweite Bedeutung wie Katholizismus oder Protestantismus. Sie war außen vor bei den über hunderte von Jahren währenden heißblütigen religiösen Kämpfen, lebte über Jahrhunderte unter dem Schutz großer Imperien (Byzanz und Russland) und bewahrte ihre ewige Wahrheit vor dem zerstörerischen Lauf der Weltgeschichte. Charakteristisch für die religiöse Natur der Orthodoxie ist, daß sie nicht ausreichend angepaßt und äußerlich dargestellt wurde, sie war nicht militant und genau deshalb wurde die himmlische Wahrheit der christlichen Offenbarung nicht derart entstellt. Die Orthodoxie ist diejenige Form des Christentums, die im Ergebnis der menschlichen Geschichte die wenigsten Entstellungen ihrer Substanz erlitt. Die orthodoxe Kirche hatte Momente der geschichtlichen Sünde, meistenteils in Verbindung mit ihrer äußerlichen Abhängigkeit vom Staat, aber die kirchlichen Lehren, ihr innerer geistiger Weg blieb intakt. Die orthodoxe Kirche ist vor allem die Kirche der Tradition, im Gegensatz zur katholischen Kirche, der Kirche der Autorität, und zu den protestantischen Kirchen, die wesentlich Kirchen eines individuellen Glaubens sind. Die orthodoxe Kirche war nie einer einzigen äußerlichen autoritären Organisation unterworfen, sie wurde von der Kraft ihrer inneren Tradition unerschütterlich zusammengehalten und nicht von einer äußeren Autorität. Es ist die orthodoxe Kirche, die unter allen Formen des Christentums am engsten mit dem frühen Christentum verbunden blieb. Die Stärke der inneren Tradition der Kirche ist die Stärke der geistigen Erfahrung und das Fortschreiten auf dem geistigen Weg, die Kraft des überpersonalen geistigen Lebens, in dem jede Generation den Bewußtseinszustand der Selbstbefriedigung und der Ausschließlichkeit abstreift und mit dem geistigen Leben aller früheren Generationen bis hin zu den Aposteln vereint ist. In dieser Tradition habe ich das selbe Erleben und die selbe Autorität wie der Apostel Paulus, die Märtyrer, die Heiligen und die gesamte christliche Welt. In der Tradition ist mein Wissen nicht nur personal, sondern überpersonal und ich lebe nicht in Isolation, sondern im Körper Christi, innerhalb eines einzigen geistigen Organismus mit allen meinen Brüdern in Christi.

(mehr …)

Ist Gott allgegenwärtig?

September 15, 2012

Die Aussage, daß Gott „allgegenwärtig“ sei, ist ziemlich populär.

Wer aber die heilige Schrift aufmerksam liest wird feststellen, daß Gottes „Allgegenwart“ nicht haltbar ist.

Schon den Sündenfall hätte es dann nicht geben können.

(mehr …)

Die globale Katastrophe nimmt ihren Lauf

August 19, 2012

Ende Juli sagte ein russisch-orthodoxer Priester, daß der skandalöse Auftritt von „Pussy Riot“ der Vorbote einer globalen Katastrophe ist. Er rief alle religiösen Gemeinschaften und auch Atheisten zu gemeinsamen Anstrengungen auf, um diese Katastrophe abzuwenden.

„Niemand soll sich Illusionen darüber machen. Weder in Russland noch in Europa noch in Übersee. Wir rufen jeden auf — Orthodoxe, Katholiken, Protestanten, und auch die Muslime und Buddhisten und alle Gläubigen und Ungläubigen weltweit — sich gegen diese Gefahr zu vereinen. Es ist die Gefahr, die der Verehrte Ambrosius von Optina kurz vor der Russischen Revolution 1917 so beschrieb: ‚In einem Teil des Dorfes wird man sie aufhängen und im anderen werden sie sagen, daß ihnen das nicht so schnell passieren kann’”, sagte Erzpriester Alexander Shargunow in einer Sendung von Radio Radonesch.

Erzpriester Alexander Schargunow

Erzpriester Alexander Schargunow

(mehr …)

Israel kümmert sich mehr um „Hasbara“ als um seine Politik

Juli 12, 2012

Übersetzung des Artikels
Israel is more focused on ‚hasbara‘ than it is on policy
von Anshel Pfeffer
erschienen am 2. März 2012 in der Haaretz

„Hasbara“, ein Akt des Bekennens oder Erklärens, ist zur Ausrede dafür geworden sich nicht ernsthaft mit den echten Problemen Israels zu befassen, und zu einem Politikersatz.

Hasbara

Hasbara ist eines derjenigen bekloppten israelischen Wörter, die sich gegen eine Übersetzung sträuben. Ich sage israelisch, denn der hebräische Begriff läßt sich übersetzen — hasbara ist einfach ein Akt des Bekennens oder Erklärens. Nur ist seine Bedeutung im Kontext der israelischen Politik und Diplomatie weitaus komplexer.

(mehr …)