Das Paradoxon der Unterstützung Assads in der syrischen Krise

Übersetzung des Artikels
Syria Crisis Highlights Paradoxies of Assad Support
erschienen in der New York Times
am 28. Februar 2012
von Tim Arango

Nadschaf, Irak — Abu Ali flüchtete in Todesangst aus der belagerten syrischen Stadt, die das Zentrum eines immer blutiger werdenden Aufstands darstellt, — es war jedoch nicht die Regierung, die der schiitische Kleriker und Student aus Homs fürchtete.

Es waren die Rebellen, die, wie er sagt, drei seiner Cousins töteten und einen der Leichname in der Mülltonne seiner Familie hinterließen.

„Ich hätte unmöglich in Homs bleiben können, ich wäre getötet worden,“ sagt er in der den Schiiten heiligen irakischen Stadt, in die er sich flüchten konnte. „Nicht nur ich, alle Schiiten.“

Abu Ali, der, wie auch seine schiitischen Kameraden im Irak, zum Schutz der Familien daheim in Syrien einen Fantasienamen angeben, betrachtet die syrischen Rebellen nicht als Freiheitskämpfer, sondern als Terroristen; hier zeigt sich die Komplexität des blutigen Konflikts innerhalb der Bevölkerung, der weiter anhält, weil die Diplomatie versagt hat. Obwohl Präsident Bascher al-Assad nicht zögert die Armee auf die Zivilbevölkerung loszulassen (mit tödlichen Folgen), hat er weiterhin eine gewisse Unterstützung, daheim und bei seinen Allierten im Ausland, zu denen religiöse und ethnische Minderheiten zählen, die sich Jahrzehnte lang darauf verlassen konnten, daß der Polizeistaat sie vor der sektiererischen Gewalt schützt.

„Die Regierung versucht einfach nur das Volk zu schützen“, sagt Abu Ali, womit er die Propaganda der Regierung Assads wiedergibt. „Sie greift die Terrorgruppen dort an.“

Der von der oppositionellen sunnitischen Mehrheit Syriens angeführte Aufstand gegen eine von Alawiten dominierte Regierung, einer Abspaltung der Schia, wird zunehmend unkalkulierbar und gefährlicher, weil er die sektiererischen Spannungen zwischen den Religionsgruppen weiter verschärft, und das über die Landesgrenzen hinaus in eine Region, die bereits von religiösen und ethnischen Spaltungen heimgesucht wurde.

Für viele in der Region hat der Kampf in Syrien kaum etwas mit der Befreiung eines Volkes von einer Diktatur zu tun, sondern vor allem mit Macht und Eigeninteressen. Wie ein Magnet zieht dieses Syrien die Sektierer aus den Nachbarstaaten an, es droht ein regelrechter Flächenbrand, wenn der Konflikt überschwappt. In den Libanon, wo es zu Kämpfen zwischen Sunniten und Alawiten kam, ist der Funke bereits übergesprungen.

Hier im Irak mit seiner schiitischen Mehrheit lassen die Ereignisse auf der anderen Seite der Grenze die Nation den Atem anhalten und führen zu einer Verhärtung der schon vorher bedrohlichen Spannungen zwischen den Religionsgruppen. Als Abu Ali hier ankam, fand er die Schiiten geschlossen hinter der Diktatur der syrischen Baath-Partei stehend vor, weniger als ein Jahrzehnt nach der amerikanischen Invasion zum Sturz der Herrschaft Saddam Husseins, dessen Baath-Partei die irakischen Schiiten über Jahrzehnte hinweg brutal unterdrückt hatte.

„Oh, das ist schwierig“, sagt Scheich Ali Nuschafi, der Sohn und Sprecher eines der höchsten Klerikers von Nadschaf, zu der schiitischen Unterstützung für Assad. „Noch schlimmer ist das, was uns bevorstehen könnte.“

Das Paradoxon der schiitischen Unterstützung des baathistischen Diktators in der Nachbarschaft zeigt wieder mal den alten Grundsatz der Machtstatik, der dem Herrscher so lange zugute kam. Die Minderheiten blieben weitestgehend loyal und genügsam, und bekamen dafür im Gegenzug einen gewissen Freiraum zugestanden, trotzdem sie im größeren Maßstab diskriminiert wurden.

Aufgrund des Sturzes von Diktatoren in benachbarten Staaten haben sich die religiösen und ethnischen Identitäten verfestigt, zurück bleibt demgegenüber das Selbstverständnis als Staatsbürger. Die Kämpfe in Syrien sind so erbittert, dass die Schiiten fürchten, dass sich mit der Machtübernahme durch die sunnitische Mehrheit nicht nur ein neuer sektiererischer Krieg, sondern die Apokalypse ankündigt.

Das ist keine Übertreibung, sagen die Leute hier, sondern eine sich im Glauben gründende Wahrnehmung. Einige Schiiten hier sehen den sich entwickelnden Bürgerkrieg in Syrien als Anfang einer verhängnisvollen Erfüllung einer schiitischen Prophezeiung, die das Ende der Zeiten vorhersagt. Gemäß schiitischer Überlieferung sammelt Sufyani — eine teuflische apokalyptische Figur im Islam — eine Armee in Syrien und, nachdem er dieses Land erobert hat, richtet er seinen Zorn auf die Schiiten des Irak.

„Eine dieser Geschichten des Propheten und seiner Familie ist, dass Sufyani hervorkommen wird und anfangen wird die Gläubigen in Syrien zu töten, dann wendet er sich dem Irak zu, wo es viele Morde und Massaker geben wird“, sagt Nujafi.

Die Ereignisse in Syrien sind, sagt er, „ähnlich, aber nicht völlig identisch“ mit der Geschichte vom Sufyani. Mit einem kurzen Geschichtsausflug erinnert er an die Belagerung von Nadschaf und die Einnahme Kerbalas, einer anderen heiligen Stadt im Norden, durch orthodoxe Sunniten im Jahr 1801, die genau die selben apokalyptischen Ängsten unter den Schiiten aufkommen ließ.

In Hilla, einer anderen nördlich gelegenen schiitischen Stadt, sagte Mohammed Tawfiq al-Rubaie, ein Vertreter von Großajatollah Ali as-Sistani, dem schiitischen religiösen Führer mit der höchsten Autorität im Irak: „Wir hoffen auf das Überleben Baschar al-Assads, aber die Prophezeiungen in den schiitischen Büchern lassen seinen Tod erwarten.“

Die Schiiten glauben, erklärt Rubaie, daß Folgendes passieren würde, wenn Assad von den Sunniten gestürzt oder umgebracht wird: „Wir erwarten, daß furchtbar viel Blut im Irak fließen wird. Die glauben daß Schiiten Ungläubige sind und daß es zulässig ist, uns unser Leben, unser Geld und unsere Frauen zu nehmen, und daß notwendig ist uns zu töten, um ins Paradies zu kommen.“

Als westliche und arabische Regierungen erwogen das Blutvergießen zu beenden — zu den untersuchten Optionen gehören aggressivere Diplomatie, die Bewaffnung der Rebellen und eine militärische Intervention — wurden die Debatte belastet von einem Mangel an Geschlossenheit innerhalb der syrischen Opposition, von Hinweisen darauf, dass einige der Rebellen mit al-Qaida verbunden sein könnten und von glaubwürdigen Berichte über sektiererische Morde.

Kern des Problems mit der Einigung ist die sektiererische Identifizierung. Radikale Sunniten der Gruppe „Islamischer Staat Irak“, einer Art Dachorganisation unter der der lokale Zweig von al-Qaida aktiv ist, haben dazu aufgerufen als Kämpfer nach Syrien zu gehen, was es dem Westen erschwert, diese Opposition als ihr Kind zu anzunehmen. Nach einem Bericht des SITE-Instituts, das die Kommunikation dschihadistischer Gruppen verfolgt, veröffentlichte diese Gruppe auf ihrer Website kürzlich eine Erklärung, in der zur Gewalt gegen die Schiiten hier im Irak aufgerufen wurde.

Diesen Irak haben Syriens Minderheiten vor Augen, wenn sie an ihre eigene Zukunft nach einem Sturz Assads denken: Assyrische Christen, Jesiden und andere wurden von den Aufständischen brutal verfolgt. Die Christen in Ägypten, wo der langjährige Diktator Husni Mubarak durch eine vergleichbare Entwicklung gestürzt worden war, wurden vermehrt zum Opfer sektiererischer Gewalt, größerer politischer Marginalisierung und einer stärkeren Verknüpfung von islamischer Identität und staatsbürgerlichem Verständnis.

„Die Christen sagen alle, dass Syrien das Schicksal des Irak droht, einem Land, das entlang ethnischer und religiöser Linien gespalten ist, in dem es für Christen keinen Raum gibt“, sagt Pater Bernardo Cervellera, der Herausgeber von AsiaNews, einer katholischen Nachrichtenagentur. Syrien ist zwar keine Demokratie, aber „es schützt uns wenigstens“, sagt er.

Abu Ali kann sich gut an die anti-schiitischen Parolen erinnern, die von den Rebellen in Homs wie mit einer Stimme gerufen wurden; das bezog sich auf die Allianz Syriens mit dem Iran, der, wie der auch Irak, ein Staat mit einer schiitischen Mehrheit ist und in einer sunnitisch dominierten Region liegt. Es gab auch die Rufe „Christen ab nach Beirut“ und „Alawiten ins Grab“.

Am letzten Sonntag saß Abu Ali auf dem Sofa im Büro des lokalen religiösen Führers, der ihn eingeladen hatte. Draußen, in den von niedrigen Betonhäusern gebildeten Gassen, hatte er frei herumlaufende Hühner gesehen, die vor den Frauen in ihren schwarzen Abayas davonliefen und Sicherheitsleute mit Sturmgewehren gesehen, das Büro bewachten.

Am Checkpoint außerhalb Nadschafs war eine Werbetafel, auf der die Stadt, die wegen des Imam Ali Schreins jedes Jahr von Millionen besucht wird, mit der Aufschrift „Hauptstadt der islamischen Kultur“ des Jahres 2012.

Am selben Tag war in Syrien das Verfassungsreferendum, einem Reformbemühen der Regierung Assad, das von der internationalen Gemeinschaft zwar mehrheitlich als Farce betrachtet wurde, Abu Ali sieht darin jedoch einen gutgemeinten Schritt zur Beendigung der Gewalt.

„Die Regierung muß natürlich reformiert werden und es muß auch mehr Freiheiten und Rechte geben“, sagt er. „Die Regierung bemüht sich um Reformen, aber darauf hört niemand.“

Deswegen seine Angst, daß Syrien, wie er sagt, den selben blutigen Weg hinabgeht, der im Irak auf die Invasion der Amerikaner folgte.

„In den sunnitischen Bezirken vertreiben sie die Schiiten und verwenden ihre Häuser als Kommando-Zentralen und als Waffenlager“, sagt er.

„Die Schiiten dort sind wirklich in Todesangst“.

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4 Kommentare - “Das Paradoxon der Unterstützung Assads in der syrischen Krise”


  1. […] ist, daß Schiiten um ihr Leben fürchten müssen, wenn vom Nordlibanon nach Syrien eindringende salafistische Banden sie in die Finger […]


  2. […] Angst der Christen und anderer Minderheiten vor den romantisierend als “Rebellen” bezeichneten bewaffneten Aufständischen in […]


  3. […] Angst der Christen und anderer Minderheiten vor den romantisierend als “Rebellen” bezeichneten bewaffneten Aufständischen in Syrien ist […]


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