Russland: Debatte um nationale Kleiderordnung

Moskau: Mit ihrer gerne figurbetonten Kleidung und großzügigem Make-up gebärden sich russische Frauen nach Ansicht eines Kirchenmannes, als seien sie Stripperinnen. Es gebe ein Problem mit „Leuten, die die Straße für einen Striptease halten“, erklärte Wsewolod Tschaplin von der russisch-orthodoxen Kirche (ROK) am Dienstag laut der Nachrichtenagentur Interfax. Frauen, die „fast nichts anhaben oder wie ein Clown herumlaufen (…), werden sicherlich keinen Mann als Lebenspartner finden, der auch nur ansatzweise Verstand oder Selbstachtung hat“, fügte der für die Beziehungen zwischen der Kirche und Gesellschaft zuständige Vertreter hinzu. In seinem offenen Brief forderte Tschaplin eine nationale Kleiderordnung nach dem Vorbild von Büros und Schulen.

Wsewolod Tschaplin (Russisch-Orthodoxe Kirche)

Wsewolod Tschaplin (Russisch-Orthodoxe Kirche)

Ultraliberale sehen darin eine Katastrophe

Ljudmila Alexejewa von der Moskauer Helsinki Gruppe kritisierte den Vorschlag der ROK für einen nationale Kleiderordnung für Männer und Frauen und sagte, das sei in einem säkularen Staat nicht akzeptabel.

„So ein Unsinn. Laßt die Leute sich doch kleiden, wie sie wollen. Als nächstes heißt es, Frauen dürften keinen Lippenstift verwenden“, sagte Ljudmila Alexejewa als Kommentar auf die Vorschläge von Wsewolod Tschaplin, dem Vorsitzenden der synodalen Abteilung für die Beziehungen von Kirche und Gesellschaft, der gesagt hatte, daß es „keine Privatangelegenheit“ sei, wie sich die Leute in Russland in der Öffentichkeit verhalten, in Schulen und auf der Arbeit.

 

Ljudmila Alexejewa (Moskauer Helsinki Gruppe)

Ljudmila Alexejewa (Moskauer Helsinki Gruppe)

„In Tschetschenien ist es Frauen nicht erlaubt, in der Öffentlichkeit ohne Kopfbedeckung zu erscheinen. Jetzt schlagen sie eine orthodoxe Kleiderordnung vor. Als nächstes kommt dann irgendeine andere Kleiderordnung. Soweit es mich betrifft: ich trage keine Miniröcke oder Blusen mit tiefem Ausschnitt. Es geht aber niemanden etwas an, wie ich mich kleide. Es wird Zeit, daß wir aufhören, die Freiheiten der Menschen zu beschränken“, sagte die 83-jährige Alexejewa.

Tschetschischer Präsident wünscht sich, daß russische Frauen maßvoll sind

Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow unterstütze den Aufruf von Wsewolod Tschaplin maßvoller gestimmt zu sein. „Seit wann ist ein Appell maßvoll zu sein und für würdige Manieren ein Eingriff in jemandes Rechte? Die Russen sollten sich vielleicht mal an ihre Geschichte erinnern“, wurde Kadyrow in der Komsomolskaja Prawda zitiert. Er kommentierte damit Fr. Wsewolod Stellungnahme, der gesagt hatte, daß es keine Privatangelegenheit ist, wie die Leute in der Öffentlichkeit gekleidet sind.

„Es ist nicht schlecht, wenn Firmen, Hochschulen und Schulen Kleiderordungen einführen. Es wird gut sein, eine russische Kleiderordung aufzustellen (in Strip-Bars und Bordellen wird sie nicht verpflichtend sein)“, schlug Vater Wsewolod vor.

 

Ramsan Kadyrow (Präsident Tschetscheniens)

Ramsan Kadyrow (Präsident Tschetscheniens)

Der tschetschenische Präsident erinnerte seinerseits daran, daß das russische Volk weiblichen Anstand und Maßhalten immer schon respektiert hat“. „Gefällt es Ihnen wirklich, provozierende Mädchen auf den Straßen zu sehen, die Rauchen und die Hand nicht von der Bierflasche lassen können? Das sind Mütter, Schwestern, Töchter! Ich möchte, daß sie Models der Weiblichkeit sind, Respekt hervorrufen, Ansehen, Bewunderung. Und bei der Erscheinung sollten wir beginnen!“, betonte Kadyrow.

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4 Kommentare - “Russland: Debatte um nationale Kleiderordnung”

  1. antifo Says:

    Laut einem Sprecher des Moskauer Patriarchats gibt die Idee zu einer nationalen Kleiderordnung keine kirchlichen Dokumente wieder:

    The church was cautious in its comments on Tuesday. Vladimir Vigilyansky, the patriarch’s chief spokesman, said the dress-code proposal would not be reflected in church documents. He went on to say that clothing styles were best influenced through a “social contract.”

  2. antifo Says:

    Zu Anfang habe ich mich ein wenig gegen die Idee einer nationalen Kleiderordnung gesträubt. Ein Burka-Verbot ist aber ja auch nichts anderes, als eben eine nationale Kleiderordnung 😉

  3. Kai Says:

    Ich war in Rußland und habe selbst gesehen, daß die meisten russischen Frauen von großer natürlicher Schönheit sind. Was einigen leider fehlt ist ein guter Kurs in Make-up und was geschmackvolle, einfache aber feminine Bekleidung bewirken kann.


  4. […] via: Angst vor Folter ist keine Phobie […]


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