Der Weg zum neuen Mittelalter

Nikolaus Berdjajew: Das neue Mittelalter (1927)

Als Fortsetzung zu dem Artikel über politischen Symbolismus ein Ausschnitt aus dem 1927 erschienen Buch „Das neue Mittelalter“ des russischen Philosophen Nikolaus Berdjajew (S. 31—32):

Die Grundfesten der Weltanschauung des XIX. Jahrhunderts stürzen, und deshalb stürzen auch die auf jener Weltanschauung begründeten Reiche und Kulturen in sich zusammen. Es stürzen die monarchistischen und demokratischen Staaten, die alle auf dem Boden des Humanismus begründet waren. Nicht die eine oder die andere Staatsform macht eine Krise durch, sondern der Staat als solcher. Es gibt keinen starken, dauernden Staat mehr. Kein Staat weiß, was ihm der nächste Tag bringt. Weder der Legitimismus der alten monarchistischen noch der Legitimismus der neuen demokratischen Staaten mit ihrer formalen Idee der Herrschaft des Volkes hat noch Macht über die Seelen der Menschen. Niemand glaubt mehr an irgendwelche juristische oder politische Formen, niemand hat auch nur das geringste für eine Verfassung gleich welcher Art übrig. Die reale Macht entscheidet alles. Lassalle hat recht mit seiner bemerkenswerten Rede über die Staatsverfassungen, in der er die These aufstellte, die Staaten seien nicht jurstisch, sondern sozial-biologisch begründet. Dies ist endgültig durch den Weltkrieg bewahrheitet worden, der die formale Rechtsidee restlos widerlegt hat. Nicht minder als der Kommunismus ist auch der italienische Faschismus ein Symptom der Krise und des Zusammenbruchs der alten Staaten. Im Faschismus sind nun ganz spontane soziale Neubildungen, die an die Stelle des alten Staates treten und die Regierung organisieren wollen. Die faschistische Freiwilligenarmee existiert neben der Armee des alten Staates, die Faschistenpolizei neben der staatlichen und übertrifft sie sogar an realer Bedeutung. Dies ist kein neuzeitliches Prinzip, sondern eher ein Prinzip des sterbenden römischen Imperiums und des beginnenden Mittelalters. Im politischen Leben des modernen Europa ist der Faschismus die einzige schöpferische Erscheinung, er gehört im selben Maße zum neuen Mittelalter wie der Kommunismus. Der Faschismus ist dem Prinzip eines formalen Legitimismus tief entgegengesetzt, er will nichts von ihm wissen, er ist eine unmittelbare Äußerung des Willens zum Leben und zur Macht, die Äußerung nicht eines Rechtes, sondern einer biologischen Kraft. Den Sturz des legitimen Machtprinzips, des Rechtsprinzips der Monarchien und Demokratien und deren Ersetzung durch das Prinzip der Kraft, der Lebensenergie spontaner sozialer Gruppen und Neubildungen — das möchte ich als das „neue Mittelalter“ bezeichnen. Der Faschismus weiß nicht, in wessen Namen er handelt, aber er geht bereits von den juristischen Formen des Lebens zum Leben selbst über. Ebenso hat auch die rationalistische Philosophie, der gnoseologisch begründete Legitimismus des Erkennens seine Macht über die Seelen der Menschen eingebüßt. Die Gnoseologie ist ja nichts anderes als Jurisprudenz auf dem Gebiet der Erkennntnis, Formalistik, Gesetzanbetung. Jetzt sucht jedes Denken eine Philosophie des Lebens und eine lebendige Philosophie, will zur Gegenständlichkeit übergehen. Das philosophische Denken weist auch eine Art von Faschismus auf, der sein „im Namen“ noch nicht kennt, und doch schon von der Form zum Inhalt, von der Frage der legitimierten Rechte des Erkennens zur Frage der unmittelbaren Lebens- und Seinserkenntnis übergeht.

Wie schon der Titel sagt, ist die Grundthese dieses Buches, daß nach dem Zerfall der tradierten Ordnung 1917/18 mit weitestgehend klaren Maßstäben ein neues Mittelalter kommt. Anlaß dafür mich damit auseinanderzusetzen ist, daß unsere nur noch beklagenswerte Obrigkeit heute offen daran arbeitet, neue, unwirkliche Symbol zu etablieren, um so die Welt „zu einen“ und eine Weltregierung zu schaffen.

Dieser politische Symbolismus, mit dem die neue Weltordnung aufgebaut werden soll, steht konträr im Gegensatz zum Rationalismus, den unser heutiges System nach außen hin zwar reklamiert, faktisch aber längst schon hinter sich gelassen hat. Daß rationale Maßstäbe bei uns etwas zählen würden, ist wohl eines der fantastischsten Märchen, die je ersonnen wurden.

Ohne neue Symbole zur Vorspiegelung einer neuen Wirklichkeit keine neue Weltordnung, weil es sonst kein einigendes Moment über Zivilisationsgrenzen hinweg geben kann.

Weitere Erläuterungen zu den Gedanken in Berdjajews Buch gibt es in diesem Aufsatz, der in der „Hochland“ vom Juni 1935 erschienen war.

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