Unter Adenauer gab es keine Abgrenzungsdebatten

Aus Robert Spaemann: „Meinungsfreiheit eingeschränkter als in der Adenauer-Zeit“:

Robert Spaemann: „Meinungsfreiheit eingeschränkter als in der Adenauer-Zeit“

Es geht um Grundsätzliches: Im Konflikt mit der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) erhält die „Junge Freiheit“ nun auch Unterstützung vom Philosophen Robert Spaemann. Er hält die Vorwürfe gegen den Chef der evangelischen Nachrichtenagentur „idea“, Helmut Matthies, für empörend, weil sie „Teil eines Prozesses der zunehmenden Einschränkung der Meinungsfreiheit“ seien.

Mittlerweile sei die Meinungsfreiheit nach Auffassung des 1927 geborenen Spaemann „eingeschränkter als in der oft geschmähten Adenauer-Zeit“. Auch damals sei zwar „viel böse Polemik im Spiel“ gewesen, „aber es gab doch eine sehr viel stärkere Auseinandersetzung in der Sache. Trotz allem ist man auf die Argumente der Gegenseite eingegangen – und sei es nur, um zu zeigen, daß sie falsch sind.“ So sei es laut Spaemann in den fünfziger Jahren sogar möglich gewesen, in der Debatte den Stalinismus zu verteidigen.

Als „völligen Unsinn“ bezeichnet der Katholik im „Junge Freiheit“-Interview die in einer Pressemitteilung der EKM vertretene Auffassung, die Annahme des Gerhard-Löwenthal-Preises verletze die „Tabugrenze im Graubereich zum Rechtsextremismus“. In der vergangenen Woche soll es laut „Junge Freiheit“ aufgrund der Pressemitteilung zu einem Gespräch zwischen der Bischöfin der EKM, Ilse Junkermann, dem Urheber der Pressemitteilung, Oberkirchenrat Christhard Wagner, dem idea-Vorsitzenden, Pastor Horst Marquardt, und Helmut Matthies gekommen sein. Über die Annahme des Preises und die damit verbundene Außenwirkung bestünde demnach weiterhin eine unterschiedliche Einschätzung. Der EKM läge es allerdings fern, idea und Pfarrer Matthies mit Rechtsextremismus zu identifizieren.

Nach Auffassung Spaemanns hätte Matthies ohnehin nicht unredlich gehandelt, dies würden im Gegenteil die tun, die ihn dessen anklagen, „weil sie dem Prinzip folgen, alles, was rechts ist, in Zusammenhang mit Gewalt und Extremismus zu bringen“. In Wirklichkeit seien sich „die Extremisten links und rechts viel verwandter als die Gemäßigten und die Extremisten auf einer Seite“, behauptet Spaemann. Der Ort, von dem aus man ganz schnell ethisch bei den Nazis lande, sei der Linksextremismus, weil sich die Extreme berühren, so der Philosoph. Zu jeder „freien menschlichen Gesellschaft“ würde eine Linke und eine Rechte gehören, sonst würde es auch keine Mitte geben, so Spaemann.

Robert Spaemann hat Recht: Einen derart großen Unterschied zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung gab es unter Adenauer nicht. Wer’s nicht glaubt, der stöbere mal in den Online-Archiven von Zeit und Spiegel. Ohne die Junge Freiheit wäre die bundesdeutsche Presselandschaft heute um einiges ärmer. Das peinliche Gezetere der EKM um die Verleihung des Gerhard-Löwenthal-Preises an Helmut Matthies bestätigt die Verarmung ja geradezu. Wenn jemand mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet wird, ist das ja auch kein Grund zur gesellschaftlichen Ausgrenzung des Preisträgers.

Abgrenzungsdebatten, wie sie heute üblich sind, wären zu Zeiten Adenauers schon deshalb nicht möglich gewesen, weil man sich noch sehr gut an die Praxis der  journalistischen Gleichschaltung unter dem Nationalsozialismus erinnerte:

Neben den Presseanweisungen wurde die inhaltliche Steuerung der Presse auch über die Nachrichtenagenturen betrieben. Die meisten deutschen Zeitungen hatten keine eigenen Korrespondenten in Berlin und waren deshalb auf die Informationen der Agenturen angewiesen. Die beiden Nachrichtenagenturen der Weimarer Republik, das Wolffsche Telegraphenbüro (W.T.B.) und die Telegraphen Union (TU), fusionierten bereits am 1. Januar 1934 zum Deutschen Nachrichtenbüro GmbH (DNB). Sämtliche Anteile des Unternehmens waren im Besitz des Staates, der auf diese Weise für einen Teilbereich der Presse ein Quasi-Nachrichtenmonopol besaß. Neben herkömmlichen Meldungen verbreitete der DNB gelegentlich auch Auflagenmeldungen, welche die Zeitungen zwangsweise abdrucken mussten. Daneben gab es auch vertrauliche Anweisungen, die je nach Stufe der Geheimhaltung auf verschiedenfarbigem Papier an verschiedene Abnehmerkreise übermittelt wurden. Die Abhängigkeit des DNB vom Staat blieb dem Publikum nicht verborgen: Im Volksmund wurde die Abkürzung DNB mit „Darf Nichts Bringen” übersetzt (Frei/Schmitz 1999: 33).

Insgesamt muss konstatiert werden, dass die unzähligen Maßnahmen der inhaltlichen Indoktrination zu einem deutlichen Auflagenschwund bei der Tagespresse führte. Der „materielle Niedergang, verbunden mit einem qualitativen Rückgang, geistiger Uniformität und damit Sterilität von Inhalt und Form” führte zu einem deutlichen Verlust von „Glaubwürdigkeit und Zugkraft” (Abel 1968: 104). [9]

Von einer Abhängigkeit der Medien vom Staat kann heute zwar nur mit Einschränkungen gesprochen werden. Von einer Abhängigkeit vom Tiefen Staat aber eben schon. Daß unsere Medien heute nach dem „Darf nichts Bringen“-Prinzip funktionieren, wird von vielen Bürgern wieder so wahrgenommen. Daher ja auch der Auflagenschwund bei den etablierten Zeitungen, die Zunahme der Abonenten bei der JF und die Flucht ins Internet.

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6 Kommentare - “Unter Adenauer gab es keine Abgrenzungsdebatten”

  1. Uta Waldow Says:

    Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Wo sind wir eigentlich inzwischen gelandet? In den Schulen greift immer mehr Duckmäusertum gegenüber dem Islam um sich. Selbst in den Kindergärten macht sich dieses Phänomen bereits breit. In der Öffentlichkeit darf sich inzwischen niemand mehr leisten, seine Meinung unverblümt zu sagen, sofort wird er in die rechte Ecke gestellt, ungeachtet der Tatsache, dass die linke Ecke fast noch schlimmer ist. Es macht allmählich keine Freude mehr, in der heutigen Gesellschaft zu leben. Was mich besonders ärgert, ist der Umstand, dass man noch nicht einmal offen über Glaubensdinge sprechen kann, ohne entweder mitleidig belächelt oder entnervt darauf hingewiesen zu werden, dass das ja schließlich Privatsache sei. Solche Artikel, wie ich sie hier lese, sammel ich inzwischen, denn sie eignen sich sehr gut in Debatten.
    mfg
    Uta Waldow

  2. EinFragender Says:

    Liebe Uta Waldow,

    danke für diese Antwort. Absolute Zustimmung!!

    Wir Christen müssen mehr zusammenrücken um uns dagegen zu wehren.

    Viele Grüße und Gottes Segen

    EinFragender

  3. Uta Waldow Says:

    Dann weiß ich auch, wo…

  4. Noergler Says:

    Heute geht es nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, wer etwas geäußert hat.
    Eine richtige Aussage kann heutzutage per se falsch sein, wenn sie nur aus dem falschen Mund kommt.


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