Gastbeitrag: Deutschland für Christus! Oder doch gleich ganz Europa?

Vor einigen Jahren riefen patriotische Christen eine Initiative ins Leben und stellten sie unter das Motto: „Deutschland für Christus – Christus für Deutschland“. Hintergrund dabei war die Hoffnung, daß, wenn sich das deutsche Volk wieder Christus zuwendet, Christus sich auch dem deutschen Volke wieder zuwenden wird. Das ist das einzige Rezept gegen den Tod. Dann erhielt ich eine Nachricht über eine andere Initiative mit dem Titel „Europa für Christus“. Es entsteht dabei der Eindruck (ob zu Recht oder zu Unrecht weiß ich nicht), als sollte eine Konkurrenz geschaffen werden. Scheinbar ist das größere Ziel wichtiger und edler als der oft als verengt geltende Blick auf die eigene Nation.

Da „Europa” schon seit einigen Jahrzehnten „in” ist, bemerken wir jetzt die Gefahr, daß jeder etwas anderes unter „Europa” versteht. Zahlreiche Ideologen wollen aus der Europäischen Gemeinschaft eine zutiefst totalitäre EUdSSR formen. Andere kommen bei „Europa” mit ihren Gedanken zu einem paneuropäischen oder sogar eurasischen zentralen Unionsstaat, lediglich mit christlichen Vorzeichen, aber sonst allen anderen Mängeln der EU. Wieder andere denken bei Europa an das Abendland und an ein Europa kooperierender Vaterländer.

Vielleicht liegt die bisweilen anzutreffende Skepsis gegenüber dem Motto „Deutschland für Christus“ an der heute anerzogenen Aversion gegen alles, was auch nur mutmaßlich auf nationalem Denken gründet – erst recht, wenn das Wort Deutschland dabei vorkommt. Hier kommt einem jedoch das Zitat von Papst Pius XII. vom 23. März 1958 ins Gedächtnis, als er sagte:

„Heute begegnet man mitunter Bürgern, die beinahe Angst haben, sich dem Vaterland ergeben zu zeigen. Wie wenn die Liebe zum Vaterland zwangsläufig Geringschätzung anderer Länder bedeutet. Wie wenn der natürliche Wunsch, das eigene Vaterland schön, im inneren blühend, nach außen geachtet und geschätzt zu sehen, unvermeidlich ein Grund zur Abneigung gegen andere Völker sein müßte. Es fehlt sogar nicht an Leuten, die sich hüten, das Wort Vaterland auszusprechen, und es durch andere, wie sie meinen, angepaßtere Namen zu ersetzen suchen. Man muß sagen, daß diese verringerte Liebe zum Vaterland, zu dieser auch von Gott geschenkten größeren Familie, nicht das letzte Zeichen einer Geistesverwirrung ist.“

Zur Euphorie bezüglich allem, was auf öffentlicher Ebene mit „Europa” etikettiert wird, ist jedoch anzumerken: Es gibt kein europäisches Volk und daher kann Europa auch nicht als Vaterland angesehen werden. Die Idee eines „europäischen Patriotismus” mutet seltsam an. Vaterlandsliebe kann sich nur auf das Vaterland beziehen. Wenn man das, was das Vaterland liebenswert macht, einebnet oder sogar kriminalisiert, wird etwaig noch vorhandene Vaterlandsliebe schlicht ausgelöscht, aber nicht auf ein künstliches Ersatzobjekt transferiert. Trotzdem kann und soll es auch eine Kulturkreisliebe geben. Denn es gibt ja tatsächlich eine abendländische Kulturgemeinschaft, die aus etlichen Völkern besteht. Diese Völker sind sich teils ähnlich, in manchen Punkten aber auch völlig verschieden.

Wenn der Christ also, den engeren geographischen Kontext verlassend, von „Europa” spricht, kann eigentlich nur das Abendland gemeint sein. Dieses wurde jedoch zu dem, was es bis vor kurzem war, gerade aufgrund der Vielfalt verschiedener Völker auf relativ kleinem und vielgestaltigem Raum. Das Abendland war durch die Garantie der gemeinsamen religiösen und kulturellen Grundlagen völkerverbindend, was den Fortbestand der jeweiligen Völker erfordert. Gleichzeitig hat das Abendland Entwicklung und Bestand der Völker in ihren Eigenarten auch geschützt und gefördert. Ein in jeglicher Hinsicht großartiger Reichtum entstand, der heute durch die Umsetzungsversuche verschiedenster Ideologien der Zerstörung preisgegeben ist. Eine europäische Nation gab und gibt es aber gerade nicht und die Gemeinsamkeiten des Kulturkreises beruhen auch nicht auf früheren oder heutigen politischen Institutionen, sondern auf dem christlichen Glauben. Das heutige Rufen nach immer mehr „Europa” dagegen artet bisweilen schon in einen extremistischen Europäismus aus.

Niemand bringt die EU beispielsweise mit der unabdingbaren Subsidiarität in Verbindung, sondern alle denken bei EU an Bevormundung. Und das, weil man einen umfassenden Prozeß zugunsten „Europas” in Gang gesetzt hat, ohne gleichzeitig einen Prozeß zugunsten der Vaterländer zu fördern, oder auch nur zuzulassen. Letzterer wäre aber nach kirchlicher Lehre erforderlich. Man handelte völlig einseitig und rief logischerweise eine Schieflage hervor. Man benötigt aber immer beides, um die partikularistischen und die zentralistischen Kräfte im Gleichgewicht zu halten. Da man als Christ leicht erkennen kann, daß Nationalismus falsch ist, kann man auch erkennen, daß Europäismus falsch ist.

Ein Bundesstaat aller europäischer Nationen bleibt eine Utopie. Und Europa wurde im 20. Jahrhundert gerade durch die unorganische, ahistorische und willkürliche Installation von Vielvölkerstaaten (z.B. Tschechoslowakei, Jugoslawien u.a.) destabilisiert und in schwere Krisen gestürzt. Warum wollen wir denselben Fehler noch einmal machen? Alle Utopien sind leidvoll und blutig gescheitert. Auch ein geeinter europäischer Staat vom schwarzen Meer bis zum Atlantik und vom Nordkap bis nach Malta wäre viel zu heterogen und instabil. Er würde ebenso grauenhaft an den Klippen der Geschichte zerschellen.

Besagtes „Rufen nach mehr Europa” auf allen Ebenen ist dabei häufig in der Unfähigkeit begründet, im kleineren Rahmen (Nationalstaat oder Bundesland) funktionierende Lösungen zu finden. Wobei dieselbe Funktionsuntüchtigkeit (die wegen derselben falschen zugrunde liegenden Ideologie unausweichlich ist) auf der größeren Ebene nicht so schnell auffällt. Es ist aber auch Ausdruck einer Bevormundung der anderen Völker. Da aus Argumentationschwäche heutzutage jedes Vorgehen auf nationaler Ebene als „nationaler Alleingang“ in den Dunstkreis einer potentiellen kriegerischen Provokation gerückt wird (wenn es auch nicht explizit so genannt wird), versucht man lieber den anderen Völkern die eigenen Wünsche mittels EU-Mechanismen aufzudrücken, betreibt jedoch auf diese Weise genau jenen Chauvinismus, den abzulehnen man vorgibt und den zu finden man bei jeder nationalen Variante behauptet. Die sog. „nationalen Alleingänge” müßten aber bei bestehender Subsidiarität und funktionierendem Föderalismus an der Tagesordnung sein.

Daher scheint einigen übervorsichtigen Zeitgenossen sogar das Motto „Deutschland für Christus“ zwar vielleicht nicht ganz falsch, aber doch verdächtig. Die vom totalitären sog. „Antifaschismus” Infizierten wittern selbstverständlich sofort einen „Nazi”. Und einige andere transferieren vielleicht im antrainierten nationalmasochistischen Reflex auch die erforderliche eigene innere Umkehr und Buße auf die europäische Ebene.

Aber soll denn etwa nicht ganz Europa wieder christlich werden? Gewiß, jeder rechtschaffene Christ wird sich wünschen, daß alle Völker Europas Christus als den Herrn anerkennen und ihre Gesetze nach seinem Evangelium ausrichten. Denn das führte sie schon einmal empor zu eigener Größe, Blüte und zur Ruhe in der Ordnung des Wahren, Schönen und Guten. Dies wurde zerstört, als antichristliche Ideen, Lügen und Mächte stark wurden. Die Rückkehr zu Christus wäre daher in der Tat für alle Völker Europas gut, ja sogar für die Völker der ganzen Erde. Warum dann aber nicht gleich zu der Initiative „Die Erde für Christus“ aufrufen?

Dies liegt an einer Rangfolge menschlicher Bindung. Von seiner Natur her existiert der Mensch entlang einer Linie Person-Familie-Stamm-Volk-Kulturkreis-Menschheit-Schöpfung. Bevor er also für seinen Kulturkreis oder die Schöpfung insgesamt verantwortlich ist, ist er zunächst seiner Familie und seinem eigenen Volk gegenüber verantwortlich, hat diesem eigenen Volk gegenüber Rechte und auch Pflichten. Ein Missionar dagegen, der beispielsweise aus Deutschland nach Peru geht, gibt freiwillig seine Rechte, Pflichten, seine sozialen Bindungen und Sicherheiten in Deutschland (zum Teil) auf, um dem Volk von Peru zu dienen. Seine Pflichten gegenüber der Volksgemeinschaft gehen damit vom deutschen auf das peruanische Volk über. Sie gehen aber nicht auch noch gleichzeitig auf das chilenische, argentinische, bolivianische, usw. Volk über. Ein solcher Missionar ist jedoch ein Spezialfall und nicht beispielhaft für den Großteil aller Menschen, der im Heimatland verbleibt.

Daß der Mensch sehr hochrangige Pflichten gegenüber dem eigenen Volk und Vaterland hat, geht auf das vierte Gebot Gottes zurück. Papst Pius X. nannte die Vaterlandsliebe eine „hohe sittliche Tugend”. Im vierten Gebot sind zwar zuerst die direkten leiblichen Vorfahren gemeint. Aber nicht nur diese, sondern darüber hinausgehend insgesamt die Gemeinschaft (Lebende und Verstorbene), aus der man hervorgegangen ist und auch ihre materiellen und immateriellen Güter. Die Verpflichtung zur Vaterlandsliebe aus christlicher Gesinnung kommt unter anderem gut in folgenden Zitaten zum Ausdruck:

„Da man nicht allen nützen kann, muß man besonders jenen zur Seite stehen, die als Landsleute enger mit uns verbunden sind.”
(Augustinus, De doctrina christiana 1, 27)
„Größer noch als gegenüber den Eltern steht die Liebe zum Vaterland.”
(Augustinus, Sermo 82, 5.8.)
„Nach Gott ist am meisten den Eltern und dem Vaterland der Mensch ein Schuldner. Wie es Pflicht der Religion ist, Gott zu verehren, ist es Forderung der Frömmigkeit, Eltern und Vaterland zu verehren. […] Darum treibt uns die geordnete Nächstenliebe an, unser Volk in einer Weise zu lieben, die wir Fremden nicht schulden.”
(Thomas von Aquin, SumTheol Ia-IIae q. 60 a. 3 co. ff)
“Man muß das irdische Vaterland lieben, von dem wir unser sterbliches Leben haben.”
(Leo XIII. , Sapientiae christiani, 1890)

Die Befürworter der Idee „Europa für Christus“ müßten – entsprechend der christlichen Lehre – konsequenterweise zuerst selbst ihre Pflichten gegenüber ihrem eigenen Vaterland erfüllen. Damit würden sie implizit auch ihren Pflichten gegenüber ihrem Kulturkreis gerecht. Denn zu den Pflichten gegenüber dem eigenen Vaterland gehört es eben auch, das eigene Volk zu Christus zu führen. Fremde Völker oder ganz Europa zu Christus zu führen ist im Allgemeinen nicht unsere Aufgabe (Ausnahme „Missionar”, s.o.). Denn woher sollen wir Deutsche das Wissen, Können oder Fühlen besitzen, um z.B. England, Bosnien oder Finnland zu rechristianisieren? Warum die anderen zu Veränderungen aufrufen, solange wir unsere Hausaufgaben selbst nicht erledigt haben, obwohl wir könnten?

Denn es ist genau umgekehrt: Wenn wir Deutsche als gutes Vorbild für die anderen Völker Europas und der ganzen Erde auf dem Weg der Umkehr zu Gott voranschreiten würden, wenn wir uns abwenden würden von der Spaßgesellschaft mit ihrer Schamlosigkeit und Betäubung, abwenden würden von der Konsumgesellschaft mit ihrer Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, abwenden würden von der marxistischen Kultur des Todes, wenn wir den anderen vorlebten, wie sich wahre Bußgesinnung durch privates Gebet, öffentlichen Gottesdienst, Almosen, Verzicht, Opfer, tugendhaftes Leben und gute Werke ausdrücken, dann würden in der Folge die anderen Völker von selbst mitziehen. Denn schon allein um sich vor dem vollständigen Untergang und Tod zu retten, bleibt allen Völkern nur eine Wahl: Christus, der Wahrheit und Leben ist! Zu ihm gelangt niemand durch den Ruf nach der Bekehrung der anderen, sondern durch eigene Umkehr und Buße.

Daher: Auf zur Missionierung der Heimat! Deutschland für Christus! Möge unser deutscher Schutzpatron, der hl. Erzengel Michael, unser Helfer dabei sein.

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One Comment - “Gastbeitrag: Deutschland für Christus! Oder doch gleich ganz Europa?”

  1. anfortas Says:

    Ein sehr guter Artikel! Es tut Not, dass man immer verdeutlicht, was man unter Europa versteht. Ich finde es jedenfalls eine wichtige Aufgabe, deutlich zu machen, dass Europa nicht mit der EU gleichzusetzen ist bzw. in ihr aufgeht. Leider ist es aber in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen, dass ein EU-Kritiker gleichzeitig auch ein Gegner Europas ist.


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