100 Jahre Futurismus

Marinettis Sonne von Rougina

Marinettis Sonne von Rougina

Einen mit Dank der Futuristen gibt es den Ferrari übertitelten geschichtlichen Abriss gab es in der Welt anläßlich des 100. Jahrestages des Erscheinens des Futuristischen Manifests des italienischen Dichters Filippo Tommaso Marinetti. Auch in der Neuen Züricher Zeitung gab es einen Artikel dazu, der mit Eine „heftige, rausame und ungerechte Kunst“ überschrieben war.

Nachdem Marinetti nicht nur den Futurismus als avantgardistische Kunstrichtung begründete, sondern auch Geburtshelfer des Faschismus war, lohnt es sich ein wenig in dieses Manifest hineinzuhorchen:

Liebe zur Gefahr
Kühnheit und Auflehnung

Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag

Schlangen mit explosivem Atem

den Mann besingen

leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren

Schönheit gibt es nur noch im Kampf

Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein
Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen
Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes
die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen
die großen Menschenmengen besingen
vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten

diese Auswahl von Schlagworten traf ich, nachdem ich gelesen hatte, was der Auslöser des Bruches von Marinetti mit seinem langjährigen politischen Weggefährten und „teuren und großen Freund Benito Mussolini“ gewesen war:

Als Mussolini nach den gescheiterten Wahlen beim zweiten Parteikongress der Fasci im Jahr 1920 plötzlich meinte, man solle „das bürgerliche Schiff nicht versenken, sondern an Bord gehen, um die parasitären Elemente über Bord zu werfen“, kamen die Gegensätze zum Ausbruch.

Nachdem Mussolini vor seiner Inspiration durch Marinettis Futurismus erst Sozialist war, finde ich das sehr bedeutsam. Es ist ein Indiz dafür, daß Sozialismus und Faschismus zwar das gleiche Ziel haben, aber verschiedene Wege dabei beschreiten. Während der Sozialist die bürgerliche Gesellschaft von außen zu zerstören sucht, trachtet der Faschist danach dies von innen zu erreichen. Um nicht erkannt zu werden, muß sich der Faschist eine bürgerliche Maske zulegen, wohingegen der Sozialist lauthals offen und ungeniert vorgeht.

Folgerichtig ist auch, daß der Futurismus als Kunstrichtung nicht nur unter Mussolini dominierte, sondern auch in der frühen Zeit der Sowjetunion. An sein vorläufiges Ende kam die Kunstrichtung dann mit dem Tode Marinettis im Jahre 1944. Danach fand sich erst mal niemand mehr, der das Banner Marinettis weitertragen wollte, weil durch den zweiten Weltkrieg ja schon alles zerstört war:

Berlin im Jahre 1945

Berlin im Jahre 1945

Erst „in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts“ kam es in Folge des technologischen und ideologischen Kräftemessens zwischen USA und UdSSR bei Atomrüstung und Weltraumprogrammen zu einer Renaissance des Futurismus, die als Retro-Futurismus bezeichnet wird. Das Potential zur Zerstörung in dieser Technologie war hier kaum Thema, weil beide Supermächte sich natürlich als friedenssichernde Zukunftsvision präsentieren wollten.

Innenillustration für hobby zur Autoausstellung in Detroit, 1966

Innenillustration für 'hobby' zur Autoausstellung in Detroit, 1966

Wo sind dann die Futuristen von heute?

War George W. Bush Neo-Futurist? Ist Obama mit seinem „Yes, we can!“ vielleicht ein Krypto-Futurist? Verbergen sie sich hinter Manifesten wie diesem hier? Sind Leute wie Joschka Fischer vielleicht einfach nur Kontra-Futuristen? Ist Osama bin Laden vielleicht gar kein Islamist, sondern lediglich ein hoch talentierter und etwas exzentrischer Orientalo-Futurist?

Die in den Texten und Bildern ihrer Anhänger enthaltenen Emotionen geben am zuverlässigsten darüber Auskunft.

Explore posts in the same categories: Geschichte, Kulturkritik

One Comment - “100 Jahre Futurismus”


  1. […] führt mich zu den Gefühlen und Gedanken zurück, die ich mir hier 100 Jahre Futurismus und hier Herr Rossi als Ikone des Hedonismus gemacht […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: